Friday, December 16, 2011
Thom Delißen - Der Weihnachtswolf

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Podcast Episode Summary
Der junge Wolf lag mit keuchendem Atem und fliegenden Flanken in einer Kuhle im Fels. Er schnüffelte an seinem linken Hinterlauf, der Speer eines Hirten hatte ihn verletzt. Seine Mutter warf sich den Männern in den Weg und wurde getötet.
Er winselte leise, als Schritte auf ihn zu kamen, mit dem Wind roch er die Ausdünstungen eines menschlichen Körpers. Er versuchte sich zu erheben, zu fliehen, doch sein Körper versagte den Dienst.
Der Geruch war jetzt über ihm. Er grollte zitternd.
Eine junge Stimme war zu hören.
„Oh, was für ein schöner Hund! Sieh! Er ist verletzt!“
Eine sanfte Hand berührte ihn, streichelte ihn.
“Darf ich ihn behalten Papa? Gesundpflegen?“
Seit diesem Tag war der junge Wolf Haushund einer hebräischen Familie in Bethlehem, die dort eine kleine Herberge bewirtschaftete.
Er hatte sich schnell eingelebt, bald fühlte er sich als Wachhund über sein Zuhause, die Herberge und ihre Gäste. Mit den Tieren im Stall, einem ausgewachsenen Ochsen und einem struppigen Esel, verstand er sich gut.
Es war an einem Abend im Dezember, als er bei seinem nächtlichen Rundgang diesen hell strahlenden Stern sah. Ein seltsames, wohliges Schauern sträubte seinen Pelz.
Mit seinem ausgezeichneten Hörsinn vernahm er die Schritte zweier Personen, die den Weg durch den Weinberg hinab stolperten.
Im Licht der Öllampe über der Eingangstür konnte Lupus, so hatte man ihn in der Familie getauft, sie schließlich besser sehen. Es waren ein Mann und eine hochschwangere Frau.
Sie baten um Einlass, eine Bettstatt.
Der Wolf hatte sich etliche Meter entfernt niedergelegt. Er hörte den Vater des Jungen, der ihn gesund gepflegt hatte, sein Bedauern äußern.
Doch als die Beiden betrübt kehrt machten, wies er ihnen schließlich den Weg zum Stall.
Die Nacht kam, der Stern am Firmament leuchtete gleißender denn je. Über dem Dach des Stalles, in dem die beiden Wanderer - Josef, der Zimmermann und Maria aus Nazareth - Zuflucht gefunden hatten, schwebten seltsame Lichtgestalten.
Die Magd Maria gebar, auf dem Mantel ihres Mannes liegend, das Jesuskind.
Lupus fühlte, dass hier etwas Wichtiges vor sich ging.
Etlichen Hirten in der Umgebung wurde von einem Engel die Geburt des Messias verkündet. Sie gaben die frohe Nachricht weiter, priesen den Sohn Gottes.
Nicht lange und die Nachricht von einem gerade eben geborenen, neuen Herrscher, erreichte auch den König von Judäa, Herodes Agrippas. Der beschloss alle Säuglinge in seinem Reich, und so auch den potentiellen Rivalen, töten zu lassen.
Von dem Kind, so spürte Lupus, der Wolf, äußerst intensiv - er hatte auch die Gelegenheit, es beschnüffeln zu dürfen, - ging etwas ganz Besonderes aus.
Es besaß eine Aura, die Frieden und Freundlichkeit, Heil verbreitete.
Nun begab es sich, dass der junge Wolf alsbald eine Tat vollbrachte, die in der Bibel nie erwähnt wird, nie wirklich ans Tageslicht gekommen ist.
Welch schreiende Ungerechtigkeit gegenüber allen Wölfen!
Es geschah zwei Tage, nachdem die hochgestellten Herren, Könige waren es wohl, aus dem Morgenland eintrafen.
Es war ein regnerischer, kühler Tag, so vernahm der Wolf das Geräusch der metallenen Uniformteile der Soldaten erst spät, doch sofort waren alle seine Sinne in höchstem Maße angespannt. Er trabte ihnen durch den feuchten Niesel entgegen. Bald konnte er sie schmecken, sie stanken nach Wein. Es waren Kämpfer des Herodes, die unterwegs waren, alle Neugeborenen mit ihren Schwertern, die blutig in ihren Gürteln hingen, zu töten. Der Geruch des Blutes erregte in Lupus einen ungeheuren Zorn, denn es war Säuglingsblut, das konnte er riechen.
Knurrend stellte er sich den beiden angetrunkenen Männern mit gefletschten Zähnen in den Weg.
Der kräftigere der beiden zog seine Waffe, der andere hob ängstlich die Hände vor sein Gesicht. Ohne einen Augenblick zu zögern, sprang der Wolf auf den Bewaffneten zu, riss ihn zu Boden, und stand dann, beide Pfoten auf seinem Brustkorb, geifernd über ihm.
Der Mann starrte ihn entsetzt an und greinte leise.
Zögerlich und in einem tiefen Ton knurrend, trat der Wolf langsam zurück.
Hastig kroch der Soldat nach hinten, richtete sich dann auf, um im nächsten Augenblick entsetzt kreischend die Flucht zu ergreifen. Sein Partner tat es ihm gleich.
So rettete ein junger Wolf den Messias, das Christentum – vielleicht die Menschheit.
In manchen Weihnachtskrippen ist der Wolf, stilisiert als Hund, dargestellt.
© TDelißen
gerne erfüllte ich den wunsch des autors, diesen text zu lesen!
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